MSPD – USPD
Der Prozess der Spaltung der Sozialdemokratie in zwei Parteien, der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Mehrheitspartei (MSPD) und der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD), vollzog sich während des Ersten Weltkrieges. Obwohl schon in der Vorkriegszeit programmatische Differenzen über den weiteren Weg zum Sozialismus den Zusammenhalt der SPD mehrfach auf den Prüfstand gestellt hatten, zerbrach die Parteieinheit erst in den Kriegsjahren, als die Zustimmung zu den Kriegskrediten und das Bekenntnis zum “Burgfrieden” zu prinzipiellen Streitfragen mit innerparteilicher Sprengkraft wurden. Zunächst stimmte Karl Liebknecht im Dezember 1914 im Reichstag gegen die Kriegskredite. Seinem Beispiel schlossen sich im Laufe des Jahres 1915 zwanzig sozialdemokratische Abgeordnete an. Auf diesen “Disziplinbruch” reagierte die SPD-Fraktion im März 1916 mit dem Ausschluss der Dissidenten, die daraufhin unter dem Namen “Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft” eine eigene Fraktion im Reichstag gründeten. Der Fraktionsspaltung folgte ein Jahr später die Parteispaltung, als die Opposition im April 1917 in Gotha die USPD gründete.
Die USPD war von Anfang an eine heterogene Partei, deren Mitglieder vor allem die gemeinsame Gegnerschaft gegen die Kriegspolitik des Kaiserreiches verband. Neben Vertretern der linken Parteimitte, zu denen Hugo Haase als ehemaliger Mitvorsitzender der SPD zählte, gehörten der USPD pazifistisch eingestellte Revisionisten wie Eduard Bernstein oder Kurt Eisner an. Zugleich trat ihr mit Karl Kautsky der theoretische Kopf des marxistischen Parteizentrums bei. Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die in der Vorkriegssozialdemokratie den äußersten linken Flügel der SPD repräsentiert hatten, gliederten der USPD die von ihnen ins Leben gerufene “Spartakus-Gruppe” an, aus der dann Ende 1918 die KPD hervorging. In den beiden letzten Kriegsjahren verstand sich die USPD als die wahre Erbin der von Marx und Engels, Lassalle und Bebel gegründeten revolutionären Sozialdemokratie, während die reformorientierte MSPD die Zusammenarbeit mit bürgerlichen Parteien suchte und im Reichstag zur parlamentarischen Mitte rückte. Ihre führenden Repräsentanten, namentlich Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann, bemühten sich um einen “Verständigungsfrieden” und suchten den Kompromiss mit dem katholischen Zentrum und dem Linksliberalismus, um eine Beendigung des Krieges parlamentarisch anzubahnen. Sie legten damit den Grundstein für die “Weimarer Koalition”.
Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches entstand am 9. und 10. November 1918 mit dem “Rat der Volksbeauftragten” eine von MSPD und USPD gemeinsam getragene Revolutionsregierung und es hatte zunächst den Anschein, als ob der sozialdemokratische “Bruderkrieg” und die Parteispaltung überwunden werden könnten. In den folgenden Wochen und Monaten zeigte sich aber sehr bald, dass eine Wiederherstellung der Parteieinheit an den programmatischen und politischen Gegensätzen zwischen MSPD und USDP scheitern musste. In der USPD sammelte sich nämlich einerseits ein radikales Protestpotential, das den Weg in die parlamentarische Demokratie nicht beschreiten wollte und zum “Weitertreiben der Revolution” aufrief, andererseits bemühte sich ein gemäßigter Parteiflügel darum, nicht alle Brücken zur MSPD abzubrechen. Deren Führung suchte nach den Wahlen zur Nationalversammlung mit der Bildung der Weimarer Koalition den Regierungskompromiss mit dem politischen Katholizismus und dem Linksliberalismus und erarbeitete gemeinsam mit diesen Parteien die Weimarer Reichsverfassung.
Zeitweise schien es so, als ob die USPD zur Massenpartei der von der Revolution enttäuschten Arbeiter werden könnte, als die Partei bei den Reichstagswahlen im Juni 1920 auch unter den sozialdemokratischen Stammwählern große Resonanz fand. Diese Entwicklung scheiterte jedoch bereits auf einem Parteitag im Herbst 1920, auf dem sich der radikale Flügel der inzwischen auf nahezu 900.000 Mitglieder angewachsenen Partei für den Anschluss an die Kommunistische Internationale entschied und Lenins Aufnahmebedingungen akzeptierte. Die Rest-USPD, in der 340.000 Mitglieder, aber fast drei Viertel der Reichstagsfraktion vertreten waren, wollte sich nicht in die Abhängigkeit von der Moskauer Kominternführung begeben. Ihre Existenz als Rumpfpartei zwischen Kommunismus und Sozialdemokratie konnte allerdings nicht von Dauer sein. Im September 1922 entschied sich die Partei zur Rückkehr in die MSPD und führte dieser rund 200.000 Mitglieder zu. Sie nannte sich fortan offiziell “Vereinigte Sozialdemokratische Partei Deutschlands”, firmierte aber faktisch wieder unter dem alten Parteinamen SPD.
Literaturempfehlung:
- Klaus Schönhoven: Reformismus und Radikalismus. Gespaltene Arbeiterbewegung im Weimarer Sozialstaat, München 1989.
- Susanne Miller: Die USPD in der Revolution 1918. In: Die Deutschen und die Revolution. 17 Vorträge. Herausgeben von Michael Salewski, Muster-Schmidt Verlag, Göttingen, Zürich 1984, Seite 346-359.
- Das Gebot der Stunde. Geschichte der USPD. Mit einem Vorwort von Ossip Kurt Flechtheim. J.H.W. Dietz, Berlin 4. Auflage 1980 (früher unter: Eugen Prager: Geschichte der USPD).






